Die Pflanzennatur zeigt uns mit ihren vielen Formgestaltungen und ihrem Farbenmeer eine lebendige Fülle, gemäß ihrem Entwicklungszyklus im Jahreslauf und in ihrem Rhythmus.

Einer der tiefsten Beobachter dieser lebendigen Pflanzenwelt war Johann Wolfgang von Goethe. Er erkannte, dass hinter all diesen Formen und Verwandlungen ein inneres Gesetz wirkt – die Metamorphose, die er als das Grundprinzip alles pflanzlichen, lebendigen Werdens beschrieb. Für Goethe war die Pflanze kein starres Objekt, sondern ein lebendiger Ausdruck bildender Kräfte, die sich im Werden und Vergehen fortwährend zeigen.

Die lebendige Kraft des Getreides hat auch Künstler immer wieder bewegt.

Die Natur wirkt mit ihrem lebendigen Wirken auf die Stimmungen des Menschen, wenn man beispielsweise an eine blühende Wiese denkt. Das Getreide wächst als Süßgras in dieser Jahreszeit in grünen Farbtönen und schenkt uns mit seinen großflächigen Feldern einen Eindruck von einer harmonischen Ordnung, denn fast alle Halme wachsen gleichzeitig und sind gleichhoch.

 

 

Foto: Vincent van Gogh –  Weizenfeld mit Lerche, 1887, Van Gogh Museum, Amsterdam. Quelle: Vincent van Gogh, Getreidefeld mit Mohnblumen und Lerche, 1887 – Wikimedia Commons, gemeinfrei

 

Mit diesem Beitrag möchten wir eine Anregung geben, einen Blick auf die Verwandlungskräfte beim Getreidewachstum zu lenken. Nehmen Sie sich bei einem nächsten Spaziergang Zeit für ein Getreidefeld. Schauen Sie hin – auf die Formenvielfalt, das lebendige Zusammenspiel, das stille Wachsen. Der Roggen fällt mit seinen grazilen, klar geformten Halmen und seinen Ähren auf. Das Bild zeigt eine Roggen-Getreidepflanze nach der sogenannten Schossphase und kurz nach dem Ährenschieben.

Roggen und sein aktuelles Entwicklungsstadium

Was fällt beim Betrachten als Erstes auf?

Das vertikale Wachstum, scheinbar selbstverständlich, fällt beim Roggen, vor allem durch seine langen Halme ins Auge. Ganz feingliedrig sind die Halme nebeneinander geordnet, ebenso auf dem ganzen Feld – wie eine Einheit.

Mit einer grazilen Festigkeit bei gleichzeitiger dynamischer Bewegtheit wiegt sich das Getreide im Wind – und wächst dabei unaufhaltsam aufwärts. Welche Kräfte sind es, die an der Pflanze wirken und zu den unterschiedlichen, verwandelnden Formgestalten führen? Die Pflanze kennt ihre Richtung – sie wächst entgegen der Schwerkraft himmelwärts, und wenn der Halm einmal aus dem Gleichgewicht gerät, richtet er sich wieder auf. In diesem Geschehen wirken Wachstumshormone, die sogenannten Auxine: Sie sammeln sich auf der Unterseite des Halms und bewirken dort eine stärkere Zellstreckung – ein stilles, inneres Regulieren. Im Besonderen aber orientiert sich der Roggen am Licht. Es scheint fast so, als wäre der aufgerichtete Roggen ein verlängerter Lichtstrahl, der sich mit der Erde verbindet.

Bei dem Entwicklungsstadium, das im Bild vom Roggen abgebildet ist, haben sich bereits die winzigen Ähren ausgebildet, die sich nach der Ausbildung des letzten Fahnenblatts, aus der obersten Blattscheide, dem Lichte elegant und geformt entgegenschieben. Vor dem Ährenschieben, und das ist besonders, denn sie ist schon im Keim des Getreidesamens angelegt und hat an dem ganzen jahreszeitlichen bedingten Entwicklungszyklus teilgenommen, schwillt der Halm vor dem letzten Fahnenblatt an, und es schiebt sich die Ähre dem Licht zu.

Nach dem Ährenschieben beginnt der Übergang von der vegetativen Phase (Wachstum von Wurzeln, Halm und Blättern) zur reproduktiven Phase (Blüte und Kornfüllung). Dabei verlagert die Pflanze ihren Schwerpunkt: Während sie zuvor Nährstoffe aus dem Boden für den Aufbau von Biomasse genutzt hat, werden nun gespeicherte Mineralstoffe und Proteine aus den Blättern in die Ähre umgelagert.

Mithilfe von Sonnenlicht und Photosynthese – primär über das Fahnenblatt – werden die Getreidekörner ausgebildet. Dieser Vorgang des Ährenschiebens lässt sich beim Roggen sowie bei allen anderen Getreidearten deutlich beobachten.Das Ährenschieben wird man beim Roggenwachstum, aber auch bei den anderen Getreidesorten gut beobachten können.

 

Wer mit innerer Aufmerksamkeit die Naturkräfte beim Getreidewachstum wahrnimmt, kann durch diese Beobachtung eine echte Nähe zum Wesen der Pflanze entwickeln. In der Signaturenlehre studiert man die Phänomene, die eine Pflanze zum Ausdruck bringt.

Zu einer neuen Backkultur trägt auch eine lebendige Empfindung für die Kräfte bei, die im Getreide wirken – die Licht- und Lebenskräfte, die vom Halm bis ins Korn getragen werden und im Brot weiterwirken. Wer diese Übung vertiefen möchte, nimmt sich Zeit – und schaut einfach auf die Formgestalt des Roggens hin. Der Halm, die Wuchsrichtung, die Farben, die einzelnen Blätter in ihrem Abstand auf dem Halm, das ganze Feld – und das Verhältnis des Einzelnen im Ganzen. Studieren Sie alle Umrisse der Pflanzengestalt.

Daraufhin kann man sich mit halbgeschlossenen Augen oder gesenktem Blick, die Formgestalt aus der Erinnerung in der Vorstellung bilden. Diese Übung fördert unsere Wahrnehmung, schärft den Blick auf die Natur und fördert das Empfindungsleben durch die gedankliche aktive Beobachtung. Dies geschieht durch einen Beziehungsprozess: Die eigene subjektive Sichtweise tritt in den Hintergrund – und die Pflanze selbst tritt hervor. Bei wiederholter Ausführung kann sie zu einer nahen Empfindung des Roggenwesens führen – die sich bei einer späteren Betrachtung zu einem vertrauten Entgegenkommen gestalten kann.