Feldtag am Dottenfelderhof
Ein Besuch bei der Getreidezüchtung auf dem Dottenfelderhof
Nahrungsqualität entsteht mit dem Saatgut auf dem Feld
Die Getreidezucht für Saatgut bewegt uns alle, die wir für ein lebendiges, unverfälschtes Brot einstehen, zutiefst.
Mitte Juni hat das EU-Parlament weitreichende Lockerungen für die sogenannte „Neue Grüne Gentechnik“ (NGT) beschlossen. Künftig sollen genom-editierte Pflanzen weitgehend ohne Risikoprüfung und Kennzeichnungspflicht auf unsere Teller gelangen. Für uns im Bäckerhandwerk und für alle bewussten Verbraucher bedeutet das einen massiven Verlust an Transparenz und Wahlfreiheit.
Umso wichtiger war mir ein Besuch, der zeigt, dass der Weg in die Zukunft nicht im Labor liegt, sondern auf dem lebendigen Feld. Bei schweißtreibenden 38°C im Schatten haben wir den Feldtag der Getreidezüchtungsforschung auf dem Dottenfelderhof besucht.
Was passiert eigentlich bei der ökologischen Getreidezüchtung?
Im Gegensatz zur Gen-Schere (wie CRISPR/Cas), die isoliert im Reagenzglas einzelne DNA-Sequenzen ausschneidet, arbeitet die biologisch-dynamische Züchtung in enger Interaktion mit der Natur. Pflanzen werden hier nicht als biologische Maschinen verstanden, die man reparieren muss, sondern als lebendige Organismen.
Durch jahrelange, aufmerksame Beobachtung wählen die ZüchterInnen genau die Zuchtlinien aus, die mit dem Klimawandeln umgehen können. Es geht nicht um den schnellen, maximalen Ertrag, sondern um das Ganze: Wie tief wurzelt die Pflanze? Wie harmonisch reift die Ähre im Rhythmus des Jahres? Und vor allem: Welche Backqualität bringt das Korn später mit? Ziel ist ein Getreide, das vitale, formende Kräfte in sich trägt und uns ein wahrhaft nährendes Brot schenkt.
Ein Feldtag führt uns direkt an diesen Ursprung. ZüchterInnen, LandwirtInnen und BäckerInnen kommen direkt am Halm zusammen, um Dinkel, Roggen und Weizen in ihren Reifestadien zu studieren. In einem Interview führte die Frage nach der zukünftigen biologischen Vielfalt zu einem interessanten Austausch für die Zukunft der Ernährung, Gesundheit und des Handwerks.
Ein Interview mit Kathrin Neubeck
Während des Feldtags auf dem Dottenfelderhof hatte ich die Gelegenheit, mit der Co-Leiterin der Züchtung am Dottenfelderhof vor Ort zu sprechen. Auf dem Feld entscheidet sich die Brotqualität für ein ganzes Jahr. Hierbei spielt die Saatgut-Qualität die Ausgangsbasis, so dass zum einen ein guter Ertrag zur Ernährung besteht. Dabei gibt es regional unterschiedliche Qualitäten, angepasst an die regionalen Witterungseinflüsse und an die regionalen Böden.
Monika Lepold:
Die konventionelle Züchtung konzentriert sich meist auf maximale Erträge und standardisierte Kleberwerte für Großbäckereien. Welchen Gegenentwurf verfolgt die biologisch-dynamische Getreidezüchtung hier auf dem Hof?
Kathrin Neubeck:
„Wir betrachten die Pflanze nicht als isolierte Produktionsmaschine, sondern in ihrem gesamten Kontext. Uns geht es um Standortanpassung und Vitalität. Das bedeutet, wir züchten Sorten, die ohne synthetischen Dünger tief wurzeln, sich die Nährstoffe aus einem lebendigen Boden holen und eine harmonische innere Qualität entwickeln. Das Ziel ist ein samenfestes, nachbaufähiges Korn, das dem Landwirten Unabhängigkeit gibt und dem Bäcker einen qualitativ hochwertigen Rohstoff zum Backen.“
Monika Lepold:
Bäckerinnen und Bäcker klagen manchmal, dass ökologisch gezüchtete Sorten handwerklich anspruchsvoller zu führen sind, weil die Eiweißstrukturen (das Gluten) nicht so extrem auf Dehnbarkeit getrimmt sind, wie bei Industrieweizen. Ist das ein Nachteil?
Kathrin Neubeck:
„Es ist eine Umstellung, aber ein bewusster Schritt. Viele konventionelle Weizensorten wurden unter den Bedingungen der intensiven Landwirtschaft gezüchtet. Ihre Backqualität entfaltet sich vor allem dort, wo hohe Düngergaben und Pflanzenschutzmaßnahmen die Wachstumsbedingungen bestimmen und die Teige später starken mechanischen Belastungen in der industriellen Verarbeitung standhalten müssen.
Unsere biologisch-dynamisch gezüchteten Sorten entstehen dagegen von Anfang an unter ökologischen Anbaubedingungen. Genau dort entwickeln sie ihre Stärken: eine stabile Backqualität, ausgewogene Proteineigenschaften und eine tragfähige Stärkestruktur. Sie sind nicht darauf ausgerichtet, möglichst extreme Teigeigenschaften zu liefern, sondern ein ausgewogenes Zusammenspiel der Inhaltsstoffe zu entwickeln.
Wer diese Getreide handwerklich verarbeitet und ihnen Zeit für eine schonende Teigführung und Fermentation gibt, erlebt eine natürliche Teigentwicklung, eine große Aromenvielfalt und Brote mit eigenständigem Charakter. Das zeigt, wie eng Züchtung, Anbau und handwerkliche Verarbeitung zusammengehören.“
Monika Lepold:
Das führt uns direkt in die Backstube. Wenn ich dieses Getreide verarbeite, wie fange ich diese Lebenskraft des Korns am besten ein?
Kathrin Neubeck:
„Indem man der Natur auch in der Backstube die Zeit gibt, die wir ihr bereits auf dem Feld geschenkt haben. Diese Getreidesorten entfalten ihr volles Potenzial erst durch eine lange, schonende Teigführung und die richtige Fermentation.
Die biologisch-dynamische Züchtung schafft die Grundlage dafür, indem sie Sorten hervorbringt, die unter ökologischen Anbaubedingungen ihre Qualität entwickeln können. Erst im Zusammenspiel mit einer sorgfältigen handwerklichen Verarbeitung kann sich diese Qualität vollständig entfalten.
Das Zusammenspiel von biologisch-dynamischer Züchtung und echtem Bäckerhandwerk ist deshalb der Schlüssel zu einem Brot, das den Menschen wirklich nährt.“
Monika Lepold:
Wenn Sie auf die Felder von heute blicken – gerade im Hinblick auf den Klimawandel mit extremen Trockenphasen und heftigen Sommerregen –: Was ist für Sie als Getreidezüchterin aktuell die größte Herausforderung, und worauf kommt es Ihnen bei Ihrer Arbeit am meisten an?
Kathrin Neubeck:
„Die größte Herausforderung ist die Unberechenbarkeit des Wetters. Früher suchte man häufig nach der einen makellosen ‚Perfektionssorte‘. Heute wissen wir: Die Zukunft liegt in der Vielfalt, der Resilienz und in Sorten, die sich an unterschiedliche Umweltbedingungen anpassen können.
Deshalb prüfen wir unsere Züchtungen direkt unter biologisch-dynamischen Anbaubedingungen. Uns geht es nicht um starre Hochleistungspflanzen, sondern um lebendige Sorten und Populationen, die sich unter den Bedingungen des ökologischen Landbaus bewähren.
Ein Getreide, das tiefe Wurzeln bildet, Wasser und Nährstoffe gut erschließen kann und widerstandsfähig gegenüber unterschiedlichen Witterungsbedingungen ist, bringt eine ganz andere Stabilität mit. Wenn ein Landwirt vor einem gesunden Bestand steht, der auch in trockenen Jahren kräftige Ähren trägt und dessen Saatgut er im nächsten Jahr wieder aussäen kann, dann haben wir unser wichtigstes Ziel erreicht.
In den letzten Jahren haben wir hier speziell Saatgutmischungen entwickelt die aus verschiedenen Zuchtstämmen und Sorten bestehen. Man nennt dieses „ökologisch, heterogenes Material“. Hier können sich beim stetigen Nachbau gerade die Sorten durchsetzen die regional an die klimatischen und Anbaubedingen angepasst sind.“
Monika Lepold:
Das Thema Gentechnik brennt den Menschen aktuell besonders unter den Nägeln. Erst am 17. Juni 2026 hat das EU-Parlament für die neue „NGT-Verordnung“ gestimmt und damit die Kennzeichnungspflicht für neue Gentechniken wie CRISPR/Cas weitgehend ausgehöhlt. Der Spitzenverband BÖLW spricht sogar von Rechtsbruch und einem Angriff auf die Wahlfreiheit der Verbraucher. Befürworter sehen darin eine schnelle Lösung gegen den Klimawandel. Welchen Standpunkt vertritt die biologisch-dynamische Getreidezüchtung dazu?
Kathrin Neubeck;
„Wir lehnen Verfahren ab, die direkt in die Integrität der Zelle oder des Erbguts eingreifen. Dazu gehören sowohl die Gentechnik als auch Verfahren der Mutationszüchtung, bei denen Veränderungen beispielsweise durch Bestrahlung oder chemische Stoffe ausgelöst werden, was bereits schon seit Jahren in der konventionellen Züchtung üblich ist.
Die biologisch-dynamische Züchtung geht einen anderen Weg. Sie arbeitet mit den natürlichen Entwicklungsmöglichkeiten der Pflanze und nutzt Kreuzung, Selektion und sorgfältige Beobachtung, um Sorten zu entwickeln, die sich unter ökologischen und biologisch-dynamischen Anbaubedingungen bewähren.
Für uns bedeutet Fortschritt nicht, immer tiefer in das Erbgut einzugreifen, sondern die natürlichen Fähigkeiten der Pflanze zu stärken. So entstehen Getreidesorten, die widerstandsfähig sind, eine hohe Qualität hervorbringen und einen nachhaltigen Beitrag für Landwirtschaft, Bäckereien und VerbraucherInnen leisten.“
Monika Lepold:
Liebe Kathrin, herzlichen Dank für dieses Gespräch und für deine wertvollen Einblicke in die biologisch-dynamische Züchtung. Deine Ausführungen machen deutlich, dass die Qualität unseres Brotes lange vor dem Backen beginnt – auf dem Acker, mit der Wahl der Sorte und der Art ihrer Züchtung.
Die biologisch-dynamische Züchtung zeigt, dass echte Qualität Zeit, Aufmerksamkeit und Zusammenarbeit braucht. Sie entsteht im Zusammenspiel von Züchtern, Landwirten, Müllern und Bäckern – und setzt sich schließlich im bewussten Einkauf der Verbraucher fort. So kann Brot wieder zu dem werden, was es seit Jahrtausenden ist: ein Lebensmittel, das den Menschen nährt und zugleich die Verbindung zwischen Natur, Handwerk und Kultur sichtbar macht.
